Verhaltensindividuelle junge Menschen PDF Drucken
Fachthemen

LEBEN!
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OHNE LEINE UND HALSBAND,
OHNE ÜBERFLÜSSIGE EINSCHRÄNKUNGEN.
OHNE GRENZEN,
RICHTLINIEN VIELLEICHT,
ICH DARF ES GENIEßEN;
KNAPP,
ODER AUS VOLLEN ZÜGEN.
DIES IST MEIN RECHT.
DARAUF HABE ICH ANSPRUCH!
NUR DIES KANNST DU MIR NICHT ABZOCKEN:
FREIHEIT!
Gedicht eines 16 - jährigen1

Verhaltensindividuelle junge Menschen
Ritter der Bewußtseinsseele2
Ein Versuch der Annäherung

Gerade im Zusammenhang mit unserem 20/21 - jährigen Jubiläum und dem o. g. Thema sei es erlaubt, auch einen Blick zu werfen auf die jungen Menschen, die in dieser Zeit auf ganz unterschiedlichen Wegen ihren Weg in die Lebenszusammenhänge des Solveigs Hofes gefunden haben. Dieser "rückblickende Vorblick" scheint gerade deshalb hier richtig zu sein, da wir durch diese 20/21 jährige Zeitexistenz hindurch einen Entwicklungsprozeß haben begleiten dürfen, der - wie ich meine - ein wesentlicher Schritt gewesen ist, in der Entwicklung junger Menschen, die in Heimzusammenhänge gebracht worden sind, um dort Schritte der Gesundung und Nachreifung tun zu können.

Junge Menschen, die gerne milieugeschädigt oder auch schwererziehbar usw. genannt wurden. Junge Menschen, die manchmal, aber nicht immer, aus desolaten häuslichen Verhältnissen kamen und deren Sozialisationsbedingungen nur den Weg offen ließen in eine gesellschaftsferne Haltung. Gut kann ich mich daran erinnern, dass diese jungen Menschen, wenn sie in die geordnete und geregelte Umgebung der Einrichtung kamen, in der Regel anfingen, auf Beziehungsangebote einzugehen und sich zunehmend wohler zu fühlen im Gemeinschaftsgeflecht des Hofes.

Vielleicht leben wir gerade jetzt an einer Stelle der Entwicklung, die durch ihre Kinder und Jugendlichen deutlich macht, dass nichts so bleibt wie es ist, sondern alles eben auch evolutionär/revolutionär geordnet ist. Georg Kühlwind weist u.a. darauf hin, dass seit ca. 20 Jahren junge Menschen zu uns kommen, zunehmend mehr geboren werden, die anders sind, als wir uns das als Erzieher/Eltern und sonstige Pädagogen wünschen.3

Für uns heißt das, betrachten wir einmal die letzten 20 Jahre, dass schon in den 80er Jahren die sogenannten neuen Kinder bemerkbar wurden und man versuchte, sie nach alt bewährten Schemata zu behandeln. Anfang der 90er Jahre mußten dann wir und sicherlich auch andere KJH Einrichtungen lernen, dass es galt, eine veränderte Sichtweise auf Problemfelder junger Menschen zu gewinnen, die nun vermehrt in unsere Einrichtungen kamen, immer noch mit den Begriffen wie "verhaltensgestört"4 und "minimaler cerebraler Disfunktion", wobei jedem auch schon damals klar war, dass es bei der letzten Beschreibung - MCD - nur um einen Kompromiß ging, da keine anderen Einsichten da waren. Auch der Symptomenkomplex der "Hyperkinese unklarer Ursache"5 und die Diagnose "Frühkindlicher Hirnschaden"6 mußte herhalten zur Einordnung in Psychosozialen Diagnosen bei Verhaltensstörungen unklarer Ursache.

Wichtig ist mir an dieser Stelle der Hinweis darauf, dass in vergangenen Zeiten eher der Blick darauf zu richten war: was hat das Kind so negativ beeinflußt? und die damals für die Gesetzesgrundlage wichtige Frage nach dem "Woher" der Auffälligkeiten, stammen sie aus dem Umfeld des Kindes oder kommen sie aus dem Kind selbst, meistens mit dem Hinweis auf das Elternhaus und das Umfeld beantwortet werden konnte. Nun haben wir aber in der jüngeren Vergangenheit auch junge Menschen zu betreuen, wo das nur teilweise oder auch manchmal gar nicht zutreffend war.
br> Junge Menschen, die bis dahin durch mehr oder weniger gut strukturierte Lebens- und Lerngemeinschaften geführt wurden und sich auch haben führen lassen, entzogen sich zunehmend mehr den "historischen" pädagogischen Wirkmechanismen und Möglichkeiten. Das führte massiv zur Verunsicherung, gerade eben der Pädagogen bei, die sich ihres Handwerkzeuges so sicher waren. Nicht zuletzt sind hier auch Pädagogen anthroposophischer Prägung gemeint, die ja auf Grund ihrer Kenntnisse von menschenkundlichen Gesichtspunkten im Zusammenklang mit heilpädagogischen Anregungen Rudolf Steiners natürlich einen besseren Zugang zu Entwicklungsveränderungen haben könnten als Pädagogen anderer Vorbildungen.

Unkonventionelle Methoden, spontane junge Ideen, oft auch durch "ungebildete" junge Pädagogen ohne Berufserfahrung ( Zivildienstleistende, Anerkennungspraktikanten ) vorgebracht, fruchteten - zumindest zeitweise! Rückblickend wird deutlich, dass das der Zeitpunkt war, wo eben zunehmend mehr verhaltensindividuelle junge Menschen aufgrund ihrer Verhaltensbesonderheiten in unsere Einrichtungen geschickt wurden. Das verhaltensgestörte - milieugeschädigte Kind erfuhr hier eine Erweiterung seines Erscheinungsbildes, dass die heilend - pädagogische Vorgehensweise zunehmend erschwerte. Diese in ihren Lebens - und Verhaltensäußerungen neuen Kinder bedürfen sicherlich der besonderen Beachtung und auch Untersuchung, um ihnen in angemessener Art und Weise begegnen zu können. Sehr angerührt wurde ich durch das sogenannte Freiheitslied der Elisabeth im gleichnamigen Musical. Sie schreit geradezu ihren neuen Glauben heraus, der davon geprägt ist, sich eben nicht nach alten Vorschriften entwickeln zu müssen, nicht zu etwas gezwungen zu werden, aber sich gerne entwickeln wollen in Freiheit. Mir ist deutlich, dass das Lied auf eine andere Zeit und auf andere Lebensumstände bezogen ist, trotzdem möchte ich es hier anführen.7

Müssen dazu neue Erziehungsansätze gefunden werden? Was müssen Erzieher/Heilpädagogen/Jugendpädagogen mit sich tun, um nicht überfordert zu werden? Wieviel anthroposophisch gegründete Forschung ist notwendig, um der überbordenden naturwissenschaftlichen Weltsicht ( Blickrichtung Verhaltensstörung = Krankheit ) etwas geisteswissenschaftlich Fundiertes im Hinblick auf die wachsende Anzahl bis jetzt unbekannter auf uns zukommender Generationen von Seelen, die zunehmend spiritueller veranlagt sind, entgegen- vielleicht auch danebensetzen zu können?

Es kann nicht darum gehen, alles so erhalten zu wollen wie früher, als die Welt angeblich noch in Ordnung war. Wir wollen vielmehr mit Freude und Enthusiasmus diese Entwicklung begrüßen und - so ist das nun mal - die Ärmel aufkrempeln und mit neuem Mut, den veränderten Anforderungen und Zeitphänomenen zu begegnen.

Mich mit diesem Thema zu beschäftigen hat u. a. bewogen die häufige Nennung von neuen Kindern in Fachgesprächen und dazu paßte auch die Lektüre des Buches " Die Indigokinder", wobei mich da immer die Frage bewegte, warum wurde dieses Buch, was in weiten Teilen den herausfordernden und belastenden Zukunftsanforderungen so positiv gegenübersteht, nicht aus unseren Zusammenhängen heraus geschrieben. Dazu später noch einiges.

Eigene tägliche Tätigkeit "vor Ort" gab und gibt die Möglichkeit nichts als theoretisches Denkgebäude im Raum schweben zu lassen, sondern immer wieder praxisnah, lebensnah zu überprüfen und überprüft zu werden. Die weiteren Ausführungen haben immer damit zu tun, dass hier überlegt wird aus dem Blickwinkel desjenigen, der gutgemeinte Ratschläge in der Praxis - am Menschen - durchführen und auch durchhalten muß, also immer erlebt und auch erleidet.

Es soll im Folgenden das Schwergewicht gelegt werden auf die Frage, was sind denn nun neue Kinder und wie ist die Welle der Veröffentlichungen in dieser Richtung einzuordnen. D. h., es wird mehr der Blickwinkel auf das "was" gelegt, was der einzelne junge Mensch an individuellen Besonderheiten zur pädagogischen Berücksichtigung mitbringt und dann erst wird noch ein Blick geworfen auf die zur Zeit prägenden Umfeldbedingungen und deren Auswirkungen.

Ich schaue in die Welt....................

Vor ca. 20 Jahren durfte ich bei der Geburt eines Mädchens anwesend sein und ich denke heute noch tief berührt an diese Situation zurück, zumal ich in die Lage versetzt bin, den Lebensweg dieses jungen Menschen bis heute begleiten zu dürfen. Die Beeindruckung beruhte natürlich zum einen auf dem Geburtsvorgang an sich, die wartende Mutter, das Herzgeräuschgerät auf dem Bauch, die für meinen Begriffe viel zu schnellen Herztöne des sich dadurch laufend ankündigenden neuen Erdenbürgers ( der von mir informierte Arzt wollte in dieser Hinsicht übrigens keine Ratschläge von mir ), dann die Wehen und die Entbindung. Auf der anderen Seite kam dann das darüber hinaus prägende Ereignis, das ich auch erst im Nachherein immer mehr zu verstehen wußte: ich durfte das Neugeborene im warmen Wasser baden und dann in eine Wiege legen - natürlich mit Himmel - und mit Hilfe einer nachsichtigen Krankenschwester betten. Die Sorge, die ich hatte, alles richtig zu machen, erfuhr urplötzlich noch eine Verstärkung durch den Blick, den mir das Kind - schon gewickelt und etwas auf der Seite liegend - zuwarf. Ein Blick, der in mir ungewöhnliche Stimmungen hervorrief: kritische Distanz erzeugend, etwas Fragendes, etwas sehr Aufmerksames und ganz Anwesendes! Die Frage in Richtung: Hast du auch alles richtig gemacht? Wir wollen mal sehen was wird!? Ich bin da!! Diese Fragen standen wesenhaft im Raum und in mir entstand eine antwortende Stimmung wie: Ich streng mich an! Mach dir keine Sorgen! Ich bin schon vorsichtig! Wir werden das schon schaffen usw.. Ich fühlte mich mit all meinen Hoffnungen und Ängsten durchschaut und beschaut. Hier lag nicht die Hilflosigkeit an sich im Bett, sondern ein "selbstbewußtes"? Wesen. Hier lag eine "wissende" Sicherheit mit im Bett. Eigenartig, ich hatte sogar das Gefühl, dass dieses ungeprägte Wesen mit einer gewissen Erfahrung ausgestattet auf mich schaute, sich etwas über mich erhob.8

Ich schreibe hier so freimütig meine inneren Gefühle, um im Nachherein feststellen zu können, dass der Eintritt mancher Kinder in diese Welt, sich verändert hat. Sie kommen etwas reifer auf diese Welt und legen damit schon in den ersten Minuten den Grundstein für einen anderen Anspruch an die Methode der Erziehung, an die Erzieher in ihrer Persönlichkeit an sich. Der erste Blickkontakt stellt uns schon vor neue Erziehungsaufgaben, denn etwas von dem " ich weiß schon, was ich will, ich spreche mit, ich bin kritisch", durchzieht das ganze Leben dieser verhaltensindividuellen oder auch anderenorts verhaltensoriginellen oder auch Indigokinder oder auch Sternkinder wie Kühlewind sie nennt ein Leben lang. Da es sich hier um ein komplexes Problem handelt und nicht um ein in ein Krankheitsbild zu fassendes Problem, denke ich, dass man auch umfassender daran gehen muß. Es steht da auf der einen Seite die Äußerung der "neuen Kinder", die da auf uns zukommen, und auf der anderen Seite die normalwissenschaftlichen Forschungsergebnisse, die im Hinblick auf auftretende Verhaltensprobleme einen weiten Weg gegangen sind, einen Weg von der Zeigefingerliterartur "Der Struwwelpeter9", 1844, über die Beschreibungen des Arztes G.A. Still über Verhaltensweisen von Schülern10, bis hin zur Definition von MCD Kindern und dann endlich bis hin zu AS, bzw. ADS oder auch ADHD Kindern.

Verschiedene Versuche der Einordnung
Der Weg vom normalen Unnormalen hin zum unnormalen Normalen

Ich habe das Gefühl, dass auch das wissenschaftliche Herumirren in Begrifflichkeiten ja gerade der taugliche Versuch ist, das zu beschreiben, was längst hätte beschrieben werden müssen, damit es zu einer Erziehungspraxis kommt, die von dem jungen Menschen selbst abgelesen wird, der sich uns anbietet oder auch anbittet und sich nicht ausruht auf dem, was immer schon war und deshalb immer noch gut ist.

Ich möchte nun zum besseren Verständnis einige Äußerungen über in diesem Zusammenhang gebräuchliche Begriffe machen.

Wird ein Kind geboren, so ist es sofort den unterschiedlichsten Umfeldeinflüssen ausgesetzt. Diese wirken beeinflussend auf alle erreichbaren Sinne, oft eben auch massiv grelle Farben, laute Musik, schädigende Substanzen usw., so dass eine überflutende Reizwelle und Kommunikationsaufforderung an das kleine Kind schrankenlos herantritt. Seine Aufmerksamkeit ist stets gefordert, ja wohl oft auch überfordert. Hier kann schon sehr früh ein Störungspotential entstehen. Der Begriff der Aufmerksamkeitsstörung kommt mir da für den ganzen Komplex, der dann daraus hervorgeht an verhaltenskorrumpierenden Erscheinungen am nächsten. AS als Antwort auf Umweltbedrohungen und nicht als krankhafte Störung des jungen Menschen! "Im Gegensatz zur Biologisierung des ADS als weitgehend genetisch bedingte Störung werde ich - ohne den biologischen Diskurs zu leugnen - im folgenden die Position vertreten, dass ADS eine soziale Konstruktion ist."11

Interessant in diesem Zusammenhang ist sicherlich der historische Blick auf die Entwicklung bis hin zu der Erkenntnis, dass es sich um Aufmerksamkeitsstörungen handelt.

Lange Zeit hat man versucht, verschiedenste Störungen und, ich will einmal sagen, Verhaltensweisen, die von der derzeit gewünschten Norm abweichen, in den neurophysiologisch/pathologischen Bereich zu zwingen, sie also zur Krankheit zu machen. Die Neurophysiologie folgt einer nunmehr 100 - jährigen Geschichte und ist wohl auch heute noch zentraler Punkt der - einseitigen - Ursachenforschung. Die Einseitigkeit beweist sich unter anderem auch daran, dass man in einigen Kreisen der Neurophysiologie sogar davon ausgeht, dass die Hochbegabung, als spezielle Form des ADS in Verbindung mit hoher Intelligenz zu beschreiben ist, sie somit also zur Krankheit degradiert wird.12 Krankheitsbezeichnungen wie POS ( Psychoorganisches Syndrom )geprägt durch Corboz, heute noch in der Schweiz gebräuchlich oder die MCD13 ( minimale cerebrale Dysfunktion, unter Einschluß von Hyperkinese und anderen Verhaltensstörungen bei beobachtbarem Verhalten ), wurden lange Zeit als Weisheit letzter Schluß genannt. Heute allerdings gilt diese Ursachenannahme der Hirnstörung als widerlegt, weil die Variabilität des von den Kindern gezeigten Verhaltens nicht durch neuro- oder psychophysiologische Befunde alleine zu beweisen sind.
Denn als heute noch gültige Bezeichnung für junge Menschen mit verhaltensindividuellem, also abweichendem Verhalten, gilt ADS14 ( Aufmerksamkeitsdefizitstörung oder auch Syndrom, je nach dem ob man von einem Krankheitsbild oder nicht ausgeht, dazu mehr auch später ) oder auch ADHD, also mit Einschluß von Hyperaktivität.

Ich denke, das sind gerade Dinge, die uns aufmerken lassen müßten. In der Diskussion um Merkmale der ADS - Kinder spiegelt sich ein Spektrum von Widersprüchlichkeiten wieder, von zerstörerisch hin bis zu spontaner Hilfsbereitschaft, von hochintelligent bis leistungsschwach und lernbehindert. Der normalwissenschaftliche Ansatz hat in dieser ganzen Diskussion eher die Tendenz, junge Menschen dieser Kategorie in den Bereich "krank" , also auch medizinisch zugänglich zu drängen ( Ritalin und kein Ende, "Es besteht die Vermutung, dass Ritalin in erheblichem Maße unsachgemäß verordnet wird, z. B. bei einer Zunahme der Verordnungszahlen 1994 bereits gegenüber dem Vorjahr um ein Viertel."15 ) und beschäftigt sich weniger mit anderen Phänomenen, so dass damit einem Buch der Weg geebnet wurde: " Die Indigo-Kinder"16. Dieses Buch mit seinen in weiten Teilen nur aus Erlebnissberichten bestehenden Inhalten, versucht, einen Weg aufzuzeigen, eine neue Beschreibung dieser Art Kinder zu geben, die nicht sofort eine geistige Krankheit nachweist, sondern eher auf Veränderungstendenzen im Hinblick auf unsere Kinder hinweist, die eine positiv Sichtweise möglich macht. Also Anstoß zu Überlegungen, die schon längst hätten angestellt werden müssen. Als Denkanstoß und Blickveränderung hervorragend und lesenswert, bis hin zu Anregungen für den Erziehungsalltag, ansonsten aber unfachlich und in den letzten zwei Dritteln mit vielen überlesenswerten Beiträgen. Im übrigen meine ich, schon längst hätte aus unseren Reihen dazu mehr kommen können, da gerade anthroposophische Einrichtungen den Ansatz haben, dass Menschen inkarnieren, die zukunftswirksam anders sein können und deshalb nicht krank sind, sondern eher zukünftig und als Botschafter eines sich verändernden Zeitalters gesehen werden müssen ( Ritter der Bewußtseinsseele ). lesenswert, bis hin zu Anregungen für den Erziehungsalltag, ansonsten aber unfachlich und in den letzten zwei Dritteln mit vielen überlesenswerten Beiträgen. Im übrigen meine ich, schon längst hätte aus unseren Reihen dazu mehr kommen können, da gerade anthroposophische Einrichtungen den Ansatz haben, dass Menschen inkarnieren, die zukunftswirksam anders sein können und deshalb nicht krank sind, sondern eher zukünftig und als Botschafter eines sich verändernden Zeitalters gesehen werden müssen ( Ritter der Bewußtseinsseele ).

Hier nun einige wesentliche Merkmale aus dem Indigokinder - Buch, die mir wichtig erschienen

"Ein Indigokind ist ein Kind, das eine Reihe neuer und ungewöhnlicher psychologischer Merkmale aufweist sowie Verhaltensmuster an den Tag legt, die im Allgemeinen aus früheren Zeiten nicht belegt sind. Diese Muster kennzeichnen Faktoren, die so einzigartig sind, dass sie Eltern und Lehrern einen absoluten Kurswechsel bei Umgang mit diesen Kindern und deren Erziehung abverlangen......"17.

Die Bezeichnung der neuen Kinder mit einer Farbe Indigo stammt von Nancy Ann Tappe, die 1982 ein Buch mit dem Titel "Understanding your Life Through Color". In diesem Buch ordnet Frau Tappe bestimmte menschliche Verhaltensweisen bestimmten Farbgruppen zu. Wichtig zu wissen ist, dass sie sich dabei von ihrer Intuition und Beobachtungen an den Menschen in der Praxis leiten ließ. Eine der Farbgruppen ist Indigoblau und steht für einen neuen Typus Kind. Diese neuen Kinder erscheinen deshalb unter dieser Farbe: die Indigokinder.18

Carrol und Tober beschreiben in ihrem Buch einige Charakterzüge von Indigokindern, Verhaltensmuster an denen man sie erkennen kann, ich zitiere inhaltlich:

· Sie machen deutlich, was sie brauchen.
· Sprechen nicht auf Disziplin aus Schuldgefühlen an wie, warte ab, Vater kommt heute abend.
· Sie fühlen sich als etwas besseres.
· Sie haben ein starkes Selbstwertgefühl, sie wissen wer sie sind.
· Sie haben Probleme mit absoluten Autoritäten ( Autoritäten ohne Erklärung und Wahlmöglichkeit ).
· Sie werden frustriert, wenn Systeme ritualorientiert sind und kein kreatives Denken erfordern.
· Sie können nicht abwarten.
· Sie haben oft andere Ideen dazu, wie man etwas angehen könnte, deshalb werden sie oft als Kinder angesehen, die gegen bestehende Systeme rebellieren.
· Sie wirken unsozial, es sei denn, sie bewegen sich unter ihresgleichen..........Schule ist für sie sozial gesehen oft außerordentlich schwierig.19

Carrol/Tober unterscheiden vier Typen von Indigokindern, die alle bestimmte Wesensmerkmale haben. Ich führe im Folgenden nur kurz die Typen auf und es bleibt dem Selbststudium überlassen, sich näher damit auseinanderzusetzen.:

· Humanistischer Typ ( sanguinisch ? ) Berufsziel Arzt, Lehrer, Anwalt, Politiker, Verkäufer...., sie sind hyperaktiv, dienen breiten Massen, sie sind gesellig und freundlich. Sie sind körperlich ungeschickt, sie handeln ungebremst, haben sehr ausgeprägte Meinungen, können sich nicht gut konzentrieren...........
· Ideenorientierter Typ ( phelgmatisch ? ) Berufsziel Ingenieur, Designer, Astronauten, Piloten......., sie sind sportlich und körperlich nicht unbeholfen, sie verweigern Kontrollen und sie haben Probleme mit demjenigen, der kontrolliert. Sie neigen zu Suchterkrankungen
· Künstlerischer Typ ( melancholisch ? ) Berufsziel ist der künstlerische und kreative Bereich. Sie werden die Lehrer und Künstler der Zukunft sein. Im Alter von 4 und 5 können sie womöglich 15 unterschiedliche Künste ergreifen, sie befassen sich kurze Zeit mit einer Sache und legen sie dann wieder weg. Sie können künstlerisch virtuos werden.
· Interdimensionaler Typ.20 ( cholerisch ? ) Sie sind größer als die anderen. Im Alter von 2 Jahren lassen sie sich nichts mehr sagen. Sie lassen sich nicht eingliedern und können Grobiane sein. Das sind diejenigen, die neue Philosophien und neue Religionen auf die Welt bringen werden.

Mit dem vorliegenden Buch ist ein sehr interessanter Versuch gemacht worden, verhaltensindividuelle Kinder anders als mit dem klinischen Blick anzuschauen. Es ist die Aufforderung, Kinder, die anders sind, nicht mit Ritalin o. ä. zu verändern, sondern mit einer neuen Erziehungspraxis. Schon deshalb ist das Buch lesenswert und wichtig.

Nun zu der zur Zeit akuten Diagnose ADS oder auch ADHD

Schon in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts gibt es ADS typische Beschreibungen von ADS Kindern. Zusammenhänge zwischen Hirnschädigung und Verhaltensstörung auch bei durchschnittlich intelligenten Kindern kamen von Ferrier 1878, über Levin 1938 und Cruickshack 1981, der zu der Zeit schon 5 signifikante Mängel bei betroffenen Kindern benannte:

Motorische und sensorische Hyperaktivität
Dissoziation, die Unfähigkeit, Dinge im Zusammenhang zu sehen, als
Gesamtheit oder Gestalt
Figur-Grund-störung, die verhindern, dass die Kinder einzelne
Teilgestalten aus einem Gesamtbild heraus erkennen können
Perseveration, die die Unfähigkeit bezeichnet, sich mühelos
von einer geistigen Tätigkeit einer anderen zuzuwenden
Motorische Unreife und Inkoordination = Ungeschicklichkeit21

So verfaßte auch 1844 H. Hoffmann seinen Struwwelpeter mit den ewig zitierten Zappelphilipp und dem Hans Guck in die Luft - moralische Zeigefingerliteratur.

1902 schildert der Arzt G. A. Still ( England )Verhaltensweisen von Schülern, die ADS typisch einzuschätzen sind und verurteilt sie zur Unheilbarkeit. Er beschreibt exzessive Emotionalität, Aggressivität, ungehemmtes Wollen, Grenzenlosigkeit, Grausamkeit und Unehrlichkeit. Er vermutet "das Intellekt und Willen getrennt seien durch eine leichte unerkannte Form der Hirnschädigung".22

Hier möchte ich nun die heute dokumentierten Merkmale von sogenannten ADS Kindern beschreiben. Ich tue das insbesondere deshalb, weil gerade mit diesen Hinweisen etwas in die Richtung erklärt wird, ob es denn tatsächlich neue Kinder gibt oder handelt es sich hier nur um vorschnelle Äußerungen einiger vorpreschender Anthroposophen, hier im speziellen Kühlewind und Köhler mit ihren Artikeln in den Zeitschriften des Goetheanum Nr. 11 und Nr. 21 des Jahres 2001. Ich gehe im Weiteren von dann gekennzeichneter Literatur aus, aber füge auch eigene Erfahrungen mit jungen Menschen dieser Erscheinungsart hinzu.23

Sich negativ auswirkendes Verhalten von ADS Kindern:

· Können gut Kritik austeilen, sich aber nur schwer kritisieren lassen.
· Sie schätzen ihre Leistungen höher ein, als das Ergebnis es später bestätigt, also Unfähigkeit zur Selbsteinschätzung.
· Sie sind sehr impulsiv, sie denken über Handlungen erst später nach, dabei können sie ihr Verhalten nicht kontrollieren und eine Reflexion direkt nach der Handlung ist nicht möglich, geht erst später, dann aber gut und dann am besten im 4 - Augengespräch.
· Sie können kaum planvoll handeln, wechseln rasch ihre Beschäftigungen oder haken an einer Beschäftigung fest - zwanghaft.
· Die Kinder driften oft weg und sind leicht ablenkbar.
· Sie fangen mit Arbeiten nicht an, die sie langweilig finden.
· Sie haben eine schlechte Schrift, lernen spät schreiben, krampfen beim Schreiben, haben oft eine Leserechtschreibeschwäche = feinmotorische Entwicklungsverzögerung.
· Sie sind äußerst sensibel und haben einen extremen Gerechtigkeitssinn.
· Sie spüren instinkthaft, ob ihnen jemand gewachsen ist und auch, ob er ernsthaft an der Person interessiert ist und ob man authentisch handelt oder nach festgesetzten Normen
· Sie sind extrem laut - Schreien, Singen, Radio, Gitarre usw., empfinden andere Lautstärken aber sehr wohl.
· Die Kinder schlafen schlecht und spät ein, dann aber extrem tief. Sie neigen zum Einnässen.
· Sie sind oft musikalisch begabt, wechseln aber die Interessen sprich die Instrumente wie Hemden.
· Ihre Hände haben ein Eigenleben, sie sind immer tätig, sie spielen an allem herum und dabei geht auch das eine oder andere zu Bruch, sie können während eines Gespräches ohne weiteres eine Kerze zerkrümeln und sind hinterher erstaunt darüber, dass es die Kerze nicht mehr gibt.
· Kurzfristig scheint ihren Sinnen nichts zu entgehen, trotzdem oder auch gerade deshalb können sie langfristig nicht aufmerksam sein. = Sinneswahrnehmungsverarbeitungsschwäche.
· Sie haben kämpferische Fähigkeiten, sind aber nicht konfliktstark
· Sie haben immer recht, setzen sich dafür ein, und können auch unter gleichaltrigen nicht anpassungs- und lernfähig sein, deshalb
· sind sie auch m. E. gruppenunfähig und für Freunde nicht auf Dauer auszuhalten.
· Sie versuchen mehr Informationen in kürzerer Zeit als andere zu verarbeiten, dass führt schulisch sehr schnell zu einer Eigenüberforderung und anschließender Depression, sie haben somit Schwierigkeiten, sich an das schulische Lerntempo usw. anzupassen, wir können hier auch von einer Schulanpassungsbehinderung reden.
· Sie haben eine verlangsamte Umstellungsfähigkeit von einer Sache zur anderen. Es kann ohne weiteres passieren, dass man während eines Gespräches merkt, dass gerade ein großes Unglück direkt nebenan passiert, es gelingt kaum dem Gespräch zu entkommen und wenn, dann nur mit "Gewalt" und unter Beschimpfung: nie hast du Zeit für mich. Selbst aber
· unterbrechen und stören sie andere häufig ( platzen in das Gespräch oder Spiel anderer hinein ).
· Sie können schlecht warten bis sie an der Reihe sind und platzen in der Schule häufig mit der Antwort heraus, bevor die Frage zu Ende gestellt ist
· Sie zappeln oft herum und können nicht in normaler Aufrechte sitzen, entweder kauern sie sich nach vorne ängstlich zusammen oder flegeln sich nach hinten kippelnd auf dem Stuhl herum.
· Laufen herum oder klettern exzessiv auch in gefährlichen Situationen herum. Bsp.: D. klettert bei einer Feier plötzlich auf das Hausdach und balanciert zum Erschrecken aller auf dem Dachfirst und ist kaum dazu zu bringen herabzusteigen. Er wirkte wie getrieben!
· Sie erscheinen seelisch jünger als andere Kinder, sind aber sonst ihrer physischen Reife nach im Normalbereich, deshalb werden sie wohl auch ständig überfordert oder falsch angesprochen.
· Sie können sich schlecht an Zeiten halten.
· Verlieren oft Sachen, die für Aufgaben und Aktivitäten notwendig wären, auch ihnen liebe Sachen, die anderen sind dann Schuld, auch wenn es nach Lage der Dinge nicht möglich wäre, anschließend können sie kaum Suchen, sie können sich nicht auf eine Suchstrategie konzentrieren.
· Sie reagieren extrem auf ritualisiertes Verhalten, sie reagieren negativ auf bestehende, dogmatische Regeln
· Sie haben motorische Koordinsationsstörungen, scheinen deshalb ungeschickt
· Sie vertragen keine Argumentationen/Extrembezeichnungen wie: Nie, immer.....
· Sie vertragen keinen Zeitdruck.
· Sie vertragen keinen fixierenden Erzieherblick, wenn es schwierig wird.

Die positive Seite des ADS Bildes

· Sie haben eine elementare Wortkraft.
· Sie haben eine gute Intelligenz.
· Sie haben einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn.
· Sie können sehr gut Schwächen anderer wahrnehmen und sind spontan sehr hilfsbereit, wenn sie die Hilfebedürftigkeit einsehen.
· Sie können in Gefahren blitzschnell reagieren und mehr Informationen aufnehmen und verarbeiten als andere.
· Sind sie begeistert, arbeiten sie kämpferisch und ohne Punkt und Komma.
· Sie sind oft Natur- und Tierliebhaber.
· Sie sind sehr charmant, wenn sie es wollen und mit ihnen wird es nie langweilig!!
· Sie sind nach Auseinandersetzungen nicht nachtragend.
· Durch ihre Reifeverzögerung ( geschätzt auf 6 - 9 Monate ) bringen sie eine kindliches Element mit.
· Sie sind bei spannenden Aufgaben sehr kreativ und phantasievoll
· Sie sprechen gut auf Individualabsprachen an und halten da gemachte Verträge ( so ab 14/15 Jahren ) ein. Dazu: ab 4 Jahren Bilderpläne, ab 7 Regelpläne, ab 14 Verträge

Natürlich findet man auch unter "normalen" jungen Menschen Störungen obiger Auflistung. Es müssen schon einige dieser Punkte zusammenkommen und häufen, sozusagen alltagsbestimmend auftreten. Denn nicht jedes unruhige Kind, nicht jeder unkonzentrierte und /oder aggressive junge Mensch hat die Diagnose ADS und es gehören umfassende Kriterien sowohl aus dem Bereich der Unaufmerksamkeit, als auch aus dem Bereich der Hyperaktivität und Impulsivität dazu.

Doch sicherlich kann man festhalten, dass diese Menschen ausgesprochen stark im Hier und Jetzt leben, damit zeigen sie sich auch deutlich angepaßt an den modernen Zeitgeist: was jetzt ist, das zählt, was morgen kommt, wird sich erweisen, was früher war, ist langweilig = ich lebe mich, na und! Durch diese bis in die Auffälligkeit gesteigerte Haltung im totalen Hier und Jetzt machen sie schmerzlich aufmerksam auf Verluste im Davor und Danach! Unglaublich präsent, aktiv, sich verbrennend am Momentanen erleben wir im Dabeisein schmerzlich den Verlust des, was war und desjenigen, was kommt! Das, was durch die unteren Sinne wahrgenommen wird, scheint die Gefühls- und Denksinne zu überlagern oder anders ausgedrückt, die Vermittlungsfunktion des Gefühlswahrnehmungsbereiches arbeitet nicht und der Wille konfrontiert das Denken ohne Polster. Es scheint auf dem Wege der Wahrnehmung der Außenwelt einiges verloren zu gehen, z. Bsp. der Gefühlsaspekt der Situation, des Sinneseindruckes, andererseits erreichen die von innen herausgesetzten Impulse die Außenwelt nicht in adäquater Weise, es wird nicht gemerkt, wo Unheil entsteht, die Selbstwahrnehmung ist hier wohl gestört.

“Diese Kinder können äußerst helle Köpfe sein, absolut bezaubernd - aber mit ihnen zusammenleben? Unmöglich. Jede Sekunde lassen sie sich zehn Sachen einfallen, die Superspaß machen und kreativ sind bis zum Abwinken. Du bist gerade noch damit beschäftigt, den Brand zu löschen, den sie beim Marshmellowrösten auf der Herdplatte gelegt haben, da sind sie auch schon in der Badewanne und probieren aus, ob Goldfische heißes Wasser vertragen.”24 Hier haben wir es nicht mit einer Beschreibung eines ADS diagnostizierten Kindes zu tun, sondern hier beschreibt eine amerikanische Mutter ihr Indigokind. Die Übergänge und auch die Merkmale scheinen fließend zu sein. Immer handelt es sich darum, dass irgend etwas anders geworden ist in unseren Familien, Schulklassen und auch in unseren familienersetzenden Heimlandschaften. Auf der einen Seite versuchen Fachleute einen Ansatz da zu finden, wo wir akzeptieren sollen, dass auf dem Wege der Evolution nun eine Welle von veränderten Menschen die Erde betritt, deren Verhaltensstörungen eben nicht auf eine hirnorganische Veränderung zurückzuführen sei, keine physisch meßbare Ursache habe, sondern eben nur drauf abzustellen ist, dass den seelisch verändert auftretenden jungen Menschen, sich auf ganz andere Art und Weise erzieherisch genähert werden müsse, als das bis heute der Fall ist. Es entsteht sowohl durch das Indigobuch, als auch durch die Artikel von Kühlewind und Köhler der Eindruck, dass wir dadurch Veränderung bewirken können, dass wir uns in veränderter Art und Weise unseren Kindern nähern, damit würden dann alle Schwierigkeiten behoben sein, und das Problem einer Verhaltensstörung wäre damit aus dem Wege geräumt. Dagegen wird auf der anderen Seite, der normalwissenschaftlichen Seite, sicherlich nicht geruht werden, bis dann doch der Nachweis erbracht sein wird, dass es einen mess- und nachweisbaren Zusammenhang gibt zwischen Verhaltensstörung und organischer Substanz. Aber auch aus unseren Kreisen heraus wird gewarnt, zu behaupten, dass es keine verhaltensauffälligen Kinder mehr gibt, sondern eben nur noch besondere Kinder oder eben neue Kinder, die über besondere Fähigkeiten verfügen und “erscheinen nur deswegen verhaltensauffällig, weil ihre soziale Umgebung nicht spirituell genug ist und das Verhalten nicht entsprechend zu würdigen weiß”.25 Meuser und Schmidt weisen im Goetheanum sehr deutlich darauf hin, dass es sehr wohl Patienten gibt, die ADHD diagnostiziert wird, die krank sind und der ärztlichen Hilfe bedürfen und auch ihr unendliches Leid in der intimen und vertrauten Therapiesituation äußern können. Sie sind sicher, je genauer das Krankheitsbild untersucht wird, desto komplexer und somit bessere wird die Behandlung werden. Auf der anderen Seite äußert sich H. Köhler betroffen darüber, dass es eine “unheilvolle Tendenz zur Verschiebung pädagogischer Problemstellungen in den psychopathologischen Bereich”26 gibt.

Im Vorhergehenden habe ich den Versuch gemacht, möglichst breit das Spektrum der zur Zeit gültigen Diskussion darzustellen. Keinen Raum hat eingenommen die Diskussion der Hochbegabung27 ( siehe Erläuterungen unten ), die mir in diesem Zusammenhang auch wichtig erscheint. Denn auch aus diesem Personenkreis werden junge Menschen durch Fehlverhaltensweisen des Umfeldes ins soziale Abseits gedrängt, wenn nicht sogar in die Asozialität. Auch in diesem Bereich ist es so, dass wir bei Nichterkennung des Phänomens mit Erscheinungsbildern von jungen Menschen konfrontiert werden, die ohneweiteres als verhaltensindividuell, und/oder auch gestört, lernbehindert und unbeschulbar präsentiert werden. Deshalb und auch aus dem Hintergrund, dass wir gerade in unserer Einrichtung auch mit diesem Erscheinungsbild beschäftigt waren, haben wir den Verdacht, dass es zunehmend schwieriger wird, eine Etikettierung wie ADS, Indigo oder auch Hochbegabung vorzunehmen. Wenn wir einmal den Anteil der jungen Menschen vernachlässigen, bei denen zweifelsfrei physiologisch-vegetative, krankheitswertige “Befindlichkeitsstörungen mit seelischen Konsequenzen vorliegen, die sich in ihrer Haut extrem unwohl fühlen, von ständigen irritierenden Eigenkörperwahrnehmungen geplagt sind”28, so bleibt doch eine große Menge von jungen Menschen übrig - nach H. Köhler ca. 90 % -, die trotzdem mit der Diagnose ADS ausgestattet werden und dann oft mit Methylphenidat behandelt werden.

Gerade für die jungen Menschen, die nicht nur einfach “krank “ sind , sondern eher mit ihrem Verhalten nicht den Normen entsprechen, möchte ich zum Abschluß zwei Fallbeschreibungen geben, die uns sehr nachdenklich gemacht haben und eben auch Anstoß waren, an das Problem anders heranzugehen. Es ist ja leider so, dass es uns manche Kinder mit ihrer Unruhe, mit ihrem unsteten Verhalten, mit ihren kühnen Ideen, mit ihrem sprunghaften Verhalten sehr schwer machen, gemeinsame Formen des Umganges miteinander zu finden. Sie sprengen mit ihrem Verhalten Sozialzusammenhänge, bringen Erzieher an den Rand des Wahnsinns und treten rücksichtslos auf den Seelen mancher Mitzubetreuender herum. Schnell kommt man dann in die Nähe der eigenen Grenzen, des Gefühls, ich kann nicht mehr, und wünscht sich, dass dieses Kind die Einrichtung verlassen möge, um wieder ein wenig mehr Frieden in der Gruppe haben zu können. Es ist keine Frage, dass wir es hier mit Menschen zu haben, die neben ihren ganzen guten Fähigkeiten zerstörerisch wirken, Katastrophen hervorrufen und der Ausdruck “Ferraris ohne Steuerrad” von Herrn Müller ist noch eine viel zu schöne Bezeichnung für diese jungen Menschen. Denn das ist auch eine Eigenschaft, die ihnen zu eigen ist: wenn sie jemanden nicht als berechtigt ansehen, mit ihnen in einen lernenden Zusammenhang zu gehen, so wird dieser jemand gnadenlos fertig gemacht. Das kann dann auch dazu führen, dass manch frustrierter Erzieher seelisch zerrüttet den Beruf wechselt.

Fallbeispiel Felix

Felix29 war uns aus Berichten bekannt, die wir mit einer Bitte zur Aufnahme zugesandt bekamen. Leider konnten wir zu der Zeit Felix nicht aufnehmen, sondern konnten dies erst ca. 2 Jahre später tun. Felix kam deshalb in eine Profipflegefamilie ( Heilpädagogen ), nachdem er vorher in einer normalpädagogischen Heimeinrichtung untergebracht war, in der ihn aber aufgrund mancher Vorfälle, seine Mutter nicht lassen wollte. Auch er selber hatte den Wunsch, von dort wegzukommen. Er beschrieb das so, dass dort die Erziehenden von den tatsächlichen Mechanismen der Jugendlichen untereinander kein Ahnung hatten und man dort als Kind nur ums Überleben kämpft. In der Pflegefamilie zeigte sich Felix sehr bald als “gestörtes” Kind in sofern, daß er z. Bsp. versuchte, rauszukriegen, wie lange eine Katze überleben kann, wenn man sie unter ein Kissen drückt oder was passiert wohl, wenn man einen Autoreifen auf eine Straße rollen läßt in vorbeifahrende Autos. Also Taten, die ohne weiteres Entsetzen hervorrufen können. Es machte ihm auch nichts aus, auszuprobieren, was passiert, wenn man ein Feuerchen - natürlich habe ich das im Griff - auf dem Wohnzimmertisch macht und sich erfreut an dem Zischen der Flammen. Felix, der eigentlich als sehr intelligent einzustufen war, kam in die Sonderschule V und wurde in eine Schule integriert, die G, L und V Kinder zusammen in einem Klassenverband versucht zu beschulen. Auf der einen Seite vom Stoff unterfordert, auf der anderen Seite aber im Sozialen sehr gefordert, war er letztlich gerne in dieser Schule und auch in diesem Klassenzusammenhang. Die Pflegefamilie brach auseinander, Felix hatte dazu eine deutliche und auch meiner Meinung nach zutreffende Meinung über die Hintergründe, bewarb er sich bei uns selbständig und auf eigene Kappe um Aufnahme, er war zu der Zeit ca. 15 Jahre alt und kannte uns, d. h. die Mitarbeiter, aus einigen Kontakten, die positiv verlaufen waren. Wir standen zu der Zeit auch in einem beratenden Zusammenhang mit der Pflegefamilie. Unsere Einrichtung verabredete auf Grundlage der Freiwilligkeit Unterbringungskriterien mit ihm und es war ihm sehr wohl bewußt, dass wir ihn trotz Vollbelegung doch noch dazugenommen hatten. Sehr schnell majorisierte Felix die Gruppe, war hintergründig tonangebend und hatte die Strukturen im Griff. Alle orientierten sich an ihm, der Anteil an Vegetariern, der er war, nahm sprunghaft zu, der Müsliverbrauch stieg ins Unermeßliche, die Tischgespräche zentrierten sich oft auf Felix und seine Art, alles in Frage zu stellen, rasend schnell den wunden Punkt des Erziehers/Betreuers wahrzunehmen, ihn zu benutzen und somit ein etwas diabolischer Führer der gemeinsamen Zusammenkünfte zu werden. In den Griff bekamen wir das nur dadurch, weil Felix wirklich freiwillig und auch gerne bei uns war und wir die Möglichkeit hatten, ihn in unendlichen Gesprächen immer wieder daran zu erinnern, dass es eine Überlebenschance auch für die Erwachsenen geben muß. Die Gespräche hatten immer einen etwas psychotisch/zwanghaften Charakter. Der von F. Angesprochene wurde so stark ins Gespräch gezwungen, dass nebenbei ein Mord hätte geschehen können und man hätte sich nicht kümmern dürfen, denn sonst hätte man von Felix zu hören bekommen, “nie hast du Zeit für mich, ich kann dir gar nichts erzählen”. Ich überzeichne extra, damit daraus die Situation plastischer wird. Er agierte für sich, zog trotzdem damit andere auch in positiver und entwicklungsprovozierender Art und Weise mit, sah aber in erster Linie sich und seine Ansprüche. Immer wieder mußte er auf soziale Aspekte des Zusammenlebens hingewiesen werden und konnte nur dadurch integriert werden, dass er bei uns bleiben wollte und es selber entschieden hatte. Seine Zustimmung zu unserer Art der Erziehungsbewältigung konnte von ihm so nicht gefühlsmäßig verstanden und akzeptiert werden, sondern wurde gedanklich gesteuert akzeptiert und mit einer gewissen Zurückhaltung anerkannt. Viele Unternehmungen seinerseits brachten uns oft an die Kante, so knackte er einmal innerhalb 2 Stunden einen bombensicheren Code unserer Telefonanlage, die gerade hochmodern eingebaut war und auf unsere Bedürfnisse über “Geheimcodes” zugeschnitten war. Die Geheimzahlen wußte er nach 2 Stunden und programmierte unser Telefonanlage um! War aber dann so fair, uns das mitzuteilen und uns zu helfen, alles wieder in Ordnung zu bringen. Auch legte er sich einmal einen eigenen Telefonanschluß, da er sich sehr genau mit der Anschlußdose der Telekom auskannte und es für ihn kein Problem war, sich eine eigene Leitung abzuzwacken. Zudem waren sich die jungen Leute auch einig, dass es gut wäre, wenn sie mehr aus unseren Gesprächen mitbekämen und so verlegte Felix eine Abhöranlage auf dem Dach, die wohl auch funktioniert hat. Raus kam das nur, weil Dachreparaturen anstanden, wo die Leitungen auffielen. Ich könnte hier noch viel aufzählen, das soll aber für den Eindruck des Gegenübers von Genialität und Wahnsinn genügen. In der 11. Klasse wechselte Felix dann in die normale Waldorfschule und konnte als Außenseiter seinen Platz in der Klassengemeinsschaft behaupten. Recht schnell waren seine Epochenhefte für Abschreibungen beliebt. Dabei muß ich anmerken, dass Felix seine Epochenberichte immer eine Nacht vor Abgabe schrieb und das ohne Notizzettel!! Er machte schließlich eine sehr selbständige plastische Jahresarbeit, wohl die einzige Arbeit in diesem Jahrgang, die ganz auf dem Mist des Schülers gewachsen war, eine ausgezeichnete Leistung, sowohl praktisch wie auch theoretisch und verließ dann mit dem 12. Klaßabschluß die Schule. Anschließend verließ er übergangslos auf eigenen Wunsch die Einrichtung, schlug sich ohne Geld in einer Großstadt durch, machte eine Lehre ( bester Abschluß des Jahrganges ), machte den Zivildienst, dann das Fachabi nach und nun eine Ausbildung als Mediendisigner, mit genialen Fähigkeiten im Umgang mit dem Computer, was er auch schon während der Zeit auf dem Hof begonnen und gezeigt hatte. Eine Schülerbiographie vom verhaltensgestörten ausgesonderten und auch ausgeschulten Jugendlichen bis hin zum Studenten im Bereich Mediendisign. Unglaublich, aber wahr!

In Felix vereinigten sich viele Merkmale wie Verhaltensstörungen, Wahrnehmungsstörungen, Zwanghaftigkeiten, Gruppenunfähigkeit, Aggressions -und Zerstörungstendenzen bis hin zu Rastlosigkeit, aber auch Genialität, Intelligenz, spontane Hilfsbereitschaft usw.. Immer wieder mußte er abprobieren, wie fühlt man eigentlich, wie fühlen andere Menschen, was hat das mit mir zu tun. Heute noch ein zum großen Teil alleine lebender Mensch, aber akzeptiert in seiner Besonderheit und bei seinen Mitarbeitern respektiert.

Also ohne weiteres ein Mensch, der unter anderen Bedingungen reif für Ritalin gewesen wäre und eine ADS typische Diagnose hätte haben können, oder aber auch unter anderen Bedingung bestimmt das Merkmal Sternkind hätte haben können und last not least auch auf -grund seines hohen Begabungspotientals als hochbegabt durchgegangen wäre. Leider haben wir versäumt, einen Intelligenztest zu machen, haben aber gerade an ihm gelernt, mit dieser besonderen biographischen Konstellation umzugehen. Das hieß u. a. auch, dass Verabredungen Vertragscharakter hatten, an den sich beide Seiten zu halten hatten. Auch zogen wir ihn - übrigens ganz gegen unsere Gepflogenheiten - in einem viel jüngeren Alter als sonst in Entscheidungsprozesse mit hinein. Sobald er keinem Zwang ausgesetzt war, zog er mit und pädagogische Einwirkungen wurden möglich.

Noch ein Fallbeispiel:
Siggi30

Entwicklungsverzögerung:

- Laufen mit 15 Monaten
- erste Worte mit 2 Jahren
- ab 3,5 auffallende, motorische Unruhe Strabismus convergens =

Zuhause:

- 3. Klasse Waldorfschule nicht leistbar, Lesen und Rechnen schwer
- verhaltensauffällig, zerstört Sachen, schlägt Geschwister
- unkontrollierte Wutanfälle
- Chromosomenunregelmäßigkeit XYY
- droht mit Selbstmord, will von der Fensterbank springen Körperbefund:

- unauffällig
- aber: deutliche Koordinationsstörung beim Laufen, Ballfangen, Schule:
- deutliche Behinderung beim Schreiben, große Unruhe Beurteilung:
- Minderbegabung, vermehrte Impulsivität, erniedrigte Frustrationstoleranz
- gelegentlich Aggressivität, Verhaltensauffälligkeiten

Beurteilung heute: (März 2001) = 15 Jahre

- altersgerecht entwickelt (cool und viel Blödsinn)
- arbeitet intensiv unter selbstauferlegtem Leistungsdruck für die Schule überfordert sich ständig (Perfektionismus - der zum Scheitern verurteilt ist, (zwanghaft)
- gruppenunfähig, agiert, wie es ihm in den Sinn kommt, ohne Absprachen
- kann Strukturen nicht akzeptieren und einhalten
- ausgeprägter materieller Ansatz, nur das Beste und Teuerste ist gut genug
- will für Geld arbeiten, kommt aber an seine Grenzen, weil er selber weiß, dass seine Arbeit Arbeitgeberansprüchen oft nicht genügen kann.

Wünsche: Alles muß sein, auch wenn er kein Geld mehr hat (Führerschein, Mofa, Angelausrüstung, Computer usw.)
- Unleistbare Forderung an die Eltern - oft Erfüllung aus Mitleid oder schlechtem Gewissen
- Äußerst schwierige Situation in der Schule, trotz aller Zuwendung fordert er alle Menschen heraus und animiert Mitschüler zu ähnlichem Un-Verhalten
- Eskalationstendenz verhindert Rückführung in die Familie
- Zerstörungstrieb vermittelt Angst bei Erziehern. Man traut sich nicht mehr, hn zurechtzuweisen oder Forderungen betr. Regelüberschreitung durchzusetzen
- Völlig überspannte Vorstellung von dem, was er durchsetzen will und ohne Rücksicht auf Verluste oder Auswirkung auf Kleinere tun will (und zwar sofort!)

Trotzdem:

- er setzt sich stark für Gerechtigkeit bei anderen ein
- hat viele gute Ideen, scheitert nur an der Umsetzung,
- will seinen Kopf durchsetzen, auch wenn es ihm selber schadet, egal,
- einmal gefaßte Ideen bedrängen ihn, er kann nicht verwandeln oder ändern,
- fühlt sich immer falsch behandelt,
- rollt sich beim Schlafen zusammen wie ein Embryo,
- kann morgens schlecht Aufstehen,
- ist zu Verabredungen bereit,
- schließt Verträge und hält sie größtenteils ein.

Ich lasse diese Beispiel nun für sich stehen und möchte zum Abschluß einige provozierende Fragen stellen oder auch Merkmale herausarbeiten, die einen Hinweis darauf geben könnten, mit welcher Art Kinder wir es denn nun wirklich zu tun haben. Wie anders sind unsere Kinder, was erwarten sie von der Welt, wie anders sind ihre Äußerungsmöglichkeiten oder auch gibt es denn nun neue Kinder??

An Hand der sich rasend schnell entwickelnden neuen Welt, neuen multimedialen Welt, bilden sich Kinder unter ganz anderen Bedingungen in die Lebenszusammenhänge ein. Sicherlich noch tiefer, als man bisher angenommen hat, prägen sich Medienwelten in die kindlichen Seelen ein. Wir stehen wohl tatsächlich an der Schwelle von einer alten zu einer neuen Kultur, es wurde ein neuer Zeitabschnitt in der Geschichte begonnen. Da ist es kein Wunder, dass es so viele ratlose und verängstigte Pädagogen gibt. Ich denke, dass unsere Aufgabe nicht darin besteht, heute nicht mehr darin besteht, unsere Kinder darüber zu belehren wie ein richtiges Leben auszusehen hat, sondern sie behutsam und mit all unserer präsenten Persönlichkeit zu begleiten und zu stärken auf dem Weg in eine neue Kultur- und Berufswelt. Wir dürfen nicht nur Re-Präsentanten einer schon gewesenen Zeit, schon immer existierender Normen, sein, sondern müssen mehr denn je authentisch und persönlich präsent vorleben und Vorbild sein im direktesten Sinne.

Persönlichkeitsmerkmale vergangener Zeit - Alte Individualität

Das eigene Bewahren, Eigentum schaffen, auch geistiges Eigentum. Ehrgeiz entwickeln, etwas für sich selbst zu lernen ( was du ...kannst du getrost nach Hause tragen).

Eine Richtung anpeilen und verfolgen.
Ziel entwickeln und versuchen, es zu verwirklichen.
Das Ich ist diszipliniert,
es ist vernünftig,
es überprüft das Machbare und richtet seine Zielvorstellungen danach aus.
Was wirklich ist, real ist, muß erarbeitet werden unter Schweiß, und bringt Mühsal mit.

Zukünftige Persönlichkeitsmerkmale - Neue Individualität

Nicht mehr die Welt begreifen, erfassen, sondern mit ihr mitschwingen/surfen.
Größere Offenheit und größere Vorbehaltlosigkeit zeigen, aber auch mehr Desinteresse haben.
Einen mehr narzißtischen/egozentrischen Blick haben.
Die Dinge der Welt erleben und kommunizieren wollen.
Mehr “Sein” und “Genießenwollen”, als immer nur “Besitzenwollen”.
Im Internet kann man erleben, wie junge Menschen Ideen - auch gewinnträchtige - einfach im Netz kommunizieren, somit preisgeben und für alle , die es haben wollen, anbieten. Mir fällt dabei das Betriebssystem Linux ein, das gebraucht werden kann von allen, weitergedacht wird von allen, einzige Bedingung ist, es wieder verändert ins Netz zu stellen. Überhaupt ist es so, dass man eigentlich alles aus dem Netz ziehen kann. Auch Informationen, die eigentlich Geld kosten sollten. Das ist zwar verboten, aber die Mechanismen reichen nicht aus, das zu schützen. Grundhaltung: dass Netz ist unermeßlich reich an verwertbarere Information, auch ich kann alles nutzen. Ganz andere Mentalität als vorher, Ideen bewahren, beschützen, geheim halten und verkaufen. D. h., im Kommunizieren einen höheren Wert zu sehen, als im Besitz. Das ist wahrhaft neu. So leben unsere Kids. D. h. auch, es entwickeln sich wohl neue Tugenden? Und das ist wahrscheinlich erst der Anfang.
Ich bin mit der Welt vernetzt: ich befinde mich im Gehirn der Welt, ich kann alles. Omnipotenzgefühl im Gegensatz zur realen Existenz, armes Würstchen im Zimmer einer Zweizimmerwohnung. Trotzdem, in dieser Welt lebt er.
Die Dinge mit allen Sinnen genießen - mehr Sein statt Haben.
In der globalen Informations - und Kommunikationswelt des Internet, erfährt man sofort die Begrenztheit seines eigenen Wissens, kann aber unaufhörlich dazulernen und seinen Wissensstand auf einen neuen Stand bringen, Wissen als fester Bestandteil existiert nicht, “Wissen ist ein medialer kommunikativer Prozeß”. 31

Zusammenfassende Feststellungen zu neuen Verhaltensweisen der
neuen Kinder

Sie spielen m. E. nicht mehr mit Vorliebe in Gruppen, sondern eher zu zweit oder höchstenfalls zu dritt. Sie machen den Versuch, störungsfreie Gemeinschaften zu bilden.

Sie bevorzugen Gemeinschaften, die egoistisch konzipiert sind. Ich bestimme das Spiel.

Sie pflegen eine neue Selbstlosigkeit - Kommunikation im Netz.

Ihre Lebensgrundhaltung: Die Welt ist ein Spiel, es ist alles im Überfluß vorhanden. Ich bin auch im Überfluß da, ich gehe mit mir unvorsichtig um, ich achte nicht auf meine Ressourcen.

Ich bleibe kindlich, ich bin hirnreifeverzögert, ein Leben lang????

Die mediale Welt fordert sie auf, schnell zu sein. Sinnesreaktion und Reaktion müssen schneller sein als der Verstand und das Gefühl ( Wille tritt m. E. alleine auf ).

Sie sind spontan hilfsbereit ( ausschließlich gefühlvoll und emotional ) bei ausgeschaltetem Denken. Sie helfen mit allen Fasern ihrer Persönlichkeit, kein Abwägen ( Hier tritt der Gefühlsbereich in den Vordergrund ).

Beim Umgang mit Computeraktivität wie z. Bsp. bei Spielen usw. ist ihre momentane äußerste Präsenz und Konzentration wichtig, Wahrnehmung und Reaktion müssen ineinanderfließen. Zwangsläufig Kontrollverlust. Sie handeln mehr aus instinkthafter Intuition, das Wahrnehmen über einen längeren Zeitraum wird zum Problem, der Wille wird korrumpiert. Dazu auch:
So entwickelt sich eine intuitive Intelligenz = Eine neue Art von experimentellem Lernen. Beispiel ist die Reparatur von Computern. ( Mehr der Bereich des Denkens ).

Die neuen Kinder neigen zu intuitiv-innovativem Verhalten und Lernen, sie peilen Lösungswege an und agieren sie aus; sei es auch übers Internet oder per Handy durch Freunde.32 Das führt zu einem intuitiven Urteilen, das sich auch auf Menschenzusammenhänge bezieht. Sie untersuchen nicht lang und breit eine Gruppierung auf ihre Möglichkeit, sich zugehörig zu fühlen, sondern sie entscheiden sich unmittelbar und kalt sofort.

Sie sind “selbstverständlich” spirituell veranlagt, in Gesprächen kommt man sehr schnell unkompliziert über die “Schwelle”.

Sie haben wenig Angst vor “Morgen”, sie sind sich ihrer sicher.

Sie sind viel früher über intellektuelle Ansprache zu erreichen, sie scheinen im Durchschnitt intelligenter zu sein, als vor ca. 20 Jahren. Absprachen und Verträge wirken Wunder.

Im Reifealter/Jugendalter verfehlen starre Grenzen ihre Wirkung, ja fordern erst recht Machtkampf und Wut heraus, mehr ist zu erreichen über Richtlinien, die einen Entscheidungsraum in Freiheit lassen. Zauberwort - Richtlinien stattGrenzen!

Ritualorientierte Abläufe werden gemieden, kreative Wege werden gesucht.

Sie haben Probleme mit starren Autoritäten. Authentisch muß man ihnen begegnen, sie scheinen für windige Gestalten einen Röntgenblick zu haben.

Sie gehen oft bis an Grenzen und testen das Leben, so lernen sie, so ist es nie “langweilig”.

Sie wirken oft unsozial, eigenbrötlerisch, werden deshalb ausgesondert, haben es schwer.

Sie interessiert alles und nichts.

Sie können sich schlecht über einen längeren Zeitraum konzentrieren, entwickeln “vielmehr eine freie experimentierende Aneignungsweise, die oft zu verblüffenden Lösungen führt”, Handbücher von Programmen usw. werden nicht mehr gelesen.

Ende

Hier endet nun der Versuch, etwas mehr Licht auf die Beantwortung der Frage zu werfen, gibt es denn nun neue Kinder oder nicht. Durch den Weg über die zur Zeit gängigen Meinungen konnte aber sicherlich etwas mehr deutlich werden, dass es einen Unterschied gibt zwischen einer veränderten Bewußtseinlage der heute geborenen jungen Menschen und der Situation - der wir alle mehr oder weniger hilflos gegenüberstehen - dass immer mehr Eltern mit ihren Kindern in hoffnungslose Lebens- und Umfeldssituationen verstrickt werden, die sinnvolle Handlungen im Umgang ihnen unmöglich machen. Ja, auch deshalb, weil die heute erziehende Elterngeneration nicht mehr gelernt hat zu erziehen und nun hilflos den Anforderungen ausgeliefert ist. Dazu kommen die immer aggressiver eingreifenden Umweltbedingungen. Der e. g. zweite Strang war aber in dieser Abhandlung nicht Thema. Bewußt hangelte ich mich etwas daneben vorbei und versuchte nur Aspekte zu entwickeln, die sich auf das “Neue” unserer jungen Mitmenschen richteten.

Gerne würde ich Meinungen anderer vor Ort arbeitender Menschen dazu hören, vielleicht kommt es ja zu einem Austausch. Ich würde mich sehr freuen!

© by Solveigs Hof Rulle e.V. | Rainer Dormann

Literaturverzeichnis
1. Über die soziale Konstruktion von Verhaltensstörungen. Das Beispiel Aufmerksam-Keitsdefizitsyndrom” ( ADS ), Dr.Wolfgang Jantzen, Professor der Universitätin Bremen, aus Zeitschrift für Heilpädagogik 6/2001, S. 222 - 231
2. Wolfgang Bergmann, Die Welt der neuen Kinder, Verlag Walter
3. Das Goetheanum, Nr. 21 und 11
4. Erziehungskunst, Zeitschrift zur Pädagogik Rudolf Steiners März 2000
5. Die Indigokinder, Lee Carroll & Jan Tober, Koha Verlag
6. Felicitas Vogt, Sucht hat viele Gesichter, Aethera Verlag
7. Götz Eisenberg, Amok - Kinder der Kälte, rororo
8. Angelika Sinn, Ich habe nie als Mensch gezählt Donat Verlag
9. Nicola Raschendorfer, Diplomarbeit ADS WS 1999/2000, www.lernfoerderung.de

1 Zitiert nach: Felicitas Vogt, Sucht hat viele Gesichter, Literaturverz. Nr. 6
2Einen Begriff, den ich gerne auf einer Mitgliederversammlung in Föhrenbühl von E.M. Didszun gehört habe, weil er mir sofort als bildhafte Verdeutlichung für das “Sosein” unserer “neuen Kinder” erschien.
3G. Kühlewind, in “Das Goetheanum” Nr.11, 11. März 2001, “Die Stern-Kinder und die schwierigen Kinder”: In dieser Welt der Erwachsenen werden seit 20 Jahren ..... immer mehr Kinder geboren, die anders sind - anders, als die Eltern und Pädagogen erwarten und was sie gewohnt sind.
4Der Begriff “verhaltensgestört” forderte mich schon immer heraus, im Hinblick auf die Fragen “Wer verhält sich” und “Wer ist (dadurch) eigentlich gestört”. Gestört ist doch wohl immer der andere und nicht derjenige, der sich verhält. Daraus könnte man eine eigenartige Schlußfolgerung ziehen über die Frage, wem ist eigentlich das Gestörtsein zuzuschreiben und wer bedarf deshalb der Therapie?! In diesem Zusammenhang scheint mir auch eine Anmerkung zur Normalität von Wolfgang Jantzen, Universitätsprofessor in Bremen, wichtig zu sein: “Um von Verhaltensstörungen zu reden braucht man einen Maßstab dessen, was normales Verhalten sein könnte. Sind Vielfalt und Differenz normal? Ist Normalität also jener, den Individuen aus eigener Ursache zugestandene Modus des Verbleibens im Prozess ihrer Selbstentwicklung, der lediglich seine Grenzen in dem durch den Staat geregelten friedlichen Zusammenleben aller findet.......Ist Normalität dann nur noch das, was möglichst reibungslos Staat und Produktion dient?.......Wird also von einem relationalen Begriff von Normalität ausgegangen, der nach den Bedingungen eines humanen Zusammenlebens in Vielfalt und Differenz fragt? Oder wird ein absoluter Begriff von Normalität als Ordnungsmaßstab gesetzt, vor dem alles andere Abweichung in Form von Krankheit oder Devianz ist?” Zitiert aus Literaturverzeichnis Nr. 1
5Aus Pschyrembel, Klinisches Wörterbuch, de Gruyter, CD-Rom Version 3 zur: Hyperkinese (engl.) hyperkinesia, hyperactivity; syn. Hyperkinesie; pathol. Steigerung der Motorik mit z.·T. unwillkürlich ablaufenden Bewegungen; Vork.: bei Erkr. des extrapyramidalen Systems (Athetose*, Ballismus*, Chorea*), Störungen der Psychomotorik (z.·B. bei affektiver Psychose). Vgl. Akathisie, Motilitätspsychose, Poriomanie, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom.
6Pschyrembel s.o., zu: Frühkindlicher Hirnschaden (engl.) infantile brain damage; allg. Bez. f. ätiol. u. pathol.-anat. unterschiedl. organische Schädigungen des ZNS, die zw. dem 6. Schwangerschaftsmonat u. dem 3.-6.·Lj. auftreten; Urs.: z.·B. Hypoxie (häufigste Urs.) in utero od. während der Geburt, Inf., Hirnblutung, Trauma, Kernikterus u. Fetopathie; bes. gefährdet ist das Kind in der Perinatalperiode. Klin.: nach Ausmaß u. Lok. der Hirnschädigung unterschiedlich stark ausgeprägte Sympt., z.·B. Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, minimale zerebrale Dysfunktion, Verhaltensstörungen, frühkindl. exogenes Psychosyndrom (s. Psychose), psychomotor. Retardierung, Intelligenzdefekt, evtl. infantile Zerebralparese od. epileptische Anfälle; Diagn: Früherfassung von Störungen durch Beurteilung der somat. u. motor. Entwicklung, der frühkindlichen Reflexe* u. der psych. Entwicklung (vgl. Screening-Verfahren)
7Aus dem Musical “Elisabeth”
Ich will nicht gehorsam, gezähmt und gezogen sein, ich will nicht bescheiden, beliebt und betrogen sein,
ich bin nicht das Eigentum von dir, denn ich gehör nur mir. Ich möchte vom Drahtseil herabsehn auf diese Welt,
ich möchte aufs Eis gehn und selbst sehn, wie langs mich hält, was geht es dich an, was ich riskier, ich gehör nur mir.
Willst du mich belehren, dann zwingst du mich bloß, zu fliehn vor der lästigen Pflicht, willst du mich bekehren,
dann reiß ich mich los und flieg wie ein Vogel ins Licht.
Und will ich die Sterne, dann finde ich selbst dorthin, ich wachse und lerne und bleibe doch wie ich bin,
ich wehr mich, bevor ich mich verlier, denn ich gehör nur mir. Ich will nicht mit Fragen und Wünschen belastet sein,
vom Saum bis zum Kragen von Blicken betastet sein, ich flieh, wenn ich fremde Augen spür,
denn ich gehör nur mir. Und willst du mich finden, dann halt mich nicht fest, ich geb meine Freiheit nicht her
und willst du mich binden, so verlaß ich dein Nest und tauch wie ein Vogel ins Meer. Ich warte auf Freunde und suche Geborgenheit, ich teile die Freuden, ich teile die Traurigkeit, verlang nicht mein Leben, daß kann ich dir nicht geben,
denn ich gehör nur mir
8Ich fühlte mich auch durch den Abschnitt “Der Wesensblick” in G. Kühlewinds o. zitiertem Artikel im Goetheanum ermutigt, meine diesbezüglichen eigenen Erfahrungen und Gedanken mitzuteilen. Es war mir immer schon ein Anliegen diese erste Kontaktaufnahme zu schildern, fand aber im erst jetzt im Zusammenhang mit diesem Artikel einen angemessenen Anlaß. Zitat G. Kühlewind: “Das erste, was gleich nach der Geburt.........auffallen kann, ist der sehr frühe Blickkontakt, der meistens sofort nach der Geburt stattfindet. Und der Blick dieser neuen Kinder ..............ist kein Baby-Blick, sondern der eines reifen, selbstbewußten , weisen Menschen.”
9Der Struwwelpeter von H. Hoffmann, 1844
10G. A. Still, 1902, Beschreibung von Verhaltensweisen von Schülern, die ADS typisch einzustufen sind, zitiert nach Nicola Raschendorfer, Diplomarbeit ADS WS 1999/2000, WWW.lernfoerderung.de
11W. Jantzen, Lit. Verz. Nr.1, S. 222
12Andere Stimmen, um das auch zu sagen, führen die Unaufmerksamkeit bei hoher Intelligenz des Kindes auf die unterstimmulierende Situation in der Schule zurück, also eine klare Abgrenzung von ADS.
13Psyrembel s. o.: minimal cerebral dysfunction (Abk. MCD); Bez. f. geringfügige Funktionsstörungen des Nervensystems im Kleinkindes- u. Kindesalter mit Störungen der Feinmotorik, Teilleistungsschwächen (Sprachentwicklungsverzögerung, Rechenschwäche) u. Sympt. des Aufmerksamkeitsdefizitsyndroms
14n: syn. (engl.) minimal brain syndrome; Verhaltensstörung mit Aufmerksamkeits- u. Konzentrationsstörung, Impulsivität, mangelnder Frustrationstoleranz u. evtl. motor. Hyperaktivität (sog. hyperaktives Syndrom); Ätiol.: unklar; als Urs. werden v.·a. ein frühkindlicher Hirnschaden* u. genet. Faktoren diskutiert; Häufigkeit: m·:·w·=·9·:·1; Ther.: evtl. pharmakologisch (z.·B. Psychostimulation zur Steigerung der Aufmerksamkeit), psychomotorische Förderung u. Verhaltenstherapie; Progn.: häufig Besserung der Sympt. im Erwachsenenalter
15Zitiert nach Erziehungskunst März 2000, Seiten 300 u. 301, “Zur Hyperkinesebehandlung mit Ritalin” von K.H. Ruckgaber Kinder und Jugendpsychiater Filderklinik bei Stuttgart
16Die Indigokinder von Lee Carrol und Jan Tober, Koha-Verlag, 3. Auflage Dezember 2000
17ebd. Umschlagrückseite
18ebd. S.19 u. 21
19ebd. Seiten 16 und 17
20 ebd. Seite 24 bis 27
21Zitiert nach Nicola Raschendorfer Diplomarbeit ADS Seite 8
22Zitiert nach: Erziehungskunst März 2000, Störer und Träumer in der Schule, Andreas Müller
23Zitiert nach Fachveranstaltung vom Landesjugendamt Hessen zum Thema “Hyperaktivität” vom 15.Mai 2000 und zitiert nach: siehe Anmerkung 17 und zitiert nach Erziehungskunst März 2000, Störer und Träumer in der Schule von Andreas Müller und eigenen Beobachtungen
24Zitiert nach: Die Indigokinder, Seite 5
25Zitiert nach Das Goetheanum Nr. 21 vom 20. Mai 2001 “Einwand: Es gibt kein so einfaches Modell”, von Dr.med.M.Meusers und Dr.med.A.Schmidt
26ebd. Antwort: Wider die Pathologisierung des Ungewöhnlichen
27Zum besseren Verständnis: Besonders begabt oder Problemkind? (“Die Indigo - Kinder” s.S.39) Die “nationale Stiftung für begabte und kreative Kinder” listet dazu folgende Merkmale auf:
- Ist sehr sensibel
- Weiß nicht, wohin mit seiner Energie
- Langweilt sich leicht
- Braucht emotional stabile und sichere Erwachsene um sich
- Widersetzt sich Autorität, wenn diese nicht demokratisch ausgerichtet ist
- Hat bevorzugte Lernmethoden, insbesondere in Lesen und Mathematik
- Ist leicht zu frustrieren, da es große Ideen hat, aber nicht die Materialien oder Menschen, die ihm dabei helfen, diese Aufgaben so weiterzuführen, daß sie Früchte tragen können.
- Lernt durch eigenes Erforschen, widersetzt sich reiner Gedächtnisakrobatik oder bloßem Zuhören
- Kann nicht stillsitzen, es sei denn, es ist in etwas versunken, was für es selbst von Interesse ist.
- Ist sehr mitfühlend - hat viele Ängste, wie etwa vor dem Tod oder dem Verlust geliebter Menschen
- Kann, wenn es früh Fehlschläge erfährt, aufgeben und bleibende Lernblockaden entwickeln
28Siehe Anmerkung 23) Seite 391, Köhler “Krankheit oder Verhaltensoriginalität”
29Der Name wurde natürlich geändert
30Der Name wurde natürlich geändert
31Wolfgang Bergmann, “Die Welt der neuen Kinder”, Erziehung im Informationszeitalter, Seite 34
32Vater möchte seinen Computer repariert haben! Er fragt seinen Sohn, ob er weiß wie das geht. Der antwortet, ich weiß es nicht, aber laß` mal schauen. Das kriege ich schon hin. Er arbeitet sich hinein und nach meistens viel Zeit, nach Hinzuziehung von Freunden usw. kommt dann sicherlich der Hinweis: ich bin fertig, war nicht so schlimm. Auf die Frage, wie hast du das geschafft, ist ja toll, hoffentlich sind alle Daten noch da, kommt dann oft die Antwort, ich hab eben probiert und es gab da im Internet so ein Reparaturprogramm und.....
33Bergmann, s. o. Literaturverzeichnis Nr. 2

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