"Altes Loslassen" Anthroposophie hier und jetzt PDF Drucken
Fachthemen

Fortbildungsseminar mit Jelle van der Meulen am 15./16.11.2002
mit der Fachgruppe für Kinder- und Jugendhilfe im Haus Pegasus
(unterlegt mit Gedichten und Sprüchen aus dem Seminar)

Wieder einmal haben wir uns eine Verbands-Fachgruppen-Fortbildung für Kinder und Jugendhilfe vorgenommen. Der Herbst ist weit fortgeschritten, die Arbeiten für Bazar und Vorweihnachtszeit zehren an unseren Kräften, die nicht aufhören wollenden Probleme und Querelen auf allen Ebenen machen uns das Leben auch nicht leichter - und nun auch noch Fortbildung! Aber - ehrlich gesagt - ich glaube, es freuen sich im Stillen alle schon lange darauf, denn in diesem Thema steckt ein Hoffnungsschimmer: Altes loslassen!

Was nun das Jahr angeht, so ist der Lichtschimmer wohl eher ein Abendrot - eine untergehende Sonne, ein fast verbrauchtes Jahr. Gibt es da etwa Parallelen , wenn wir uns fragen, wie die anthrop. Heilpädagogik nach fast 80 Jahren praktiziert wird, bzw. wie heute Anthroposophie lebt? Erwartungsvoll treffen wir uns im Haus Pegasus, der relativ jungen Einrichtung mit dem geflügelten Pferd.

Tatsächlich dreht sich hier außer um Kinder und Jugendliche sehr viel um Pferde und so dürfen wir ersteinmal die riesige "Neuerwerbung" - die Reithalle bewundern. Auf dem großen Grundstück dahinter fasziniert uns ein neu hergerichteter Reitplatz mit Asphaltbruch unterlegt und mit zerschnibbelten Teppichresten von

Mercedes pulvertrocken zum Reiten an der frischen Luft. Mit Pferden hat ja so manch einer von uns, sprich den Menschen aus den vielen, hier vertretenen KJHG-Einrichtungen, zu tun. Natürlich, Reittherapie boomt und jeder weiß, wie gut das den Kindern/Jugendl. tut - aber so eine Anlage? Das ist schon enorm beeindruckend. Es stellt sich heraus, daß damit auch die Kinder des Dorfes Breiholz (weit oben, nördlich von Itzehoe und westlich von Rendsburg) hereingeholt werden und somit ein reger Austausch initiiert ist - und sicherlich auch ein guter, neuer Ansatz, um andersherum die Einrichtung und die Kinder ans Dorf anzuschließen und zu integrieren.

Auf der Suche nach Kindern und Tieren finden wir nicht so viele - aber es ist, wie es meistens ist - man hat uns Platz gemacht. Die Kinder sind ausgeflogen und die Pferde auf der Weide. Nur die großen Hunde bleiben sitzen an der Schwelle zwischen uns und der Gemeinschaftsküche, aus der wir liebevoll und perfekt versorgt werden. Nachdem wir alle gut gestärkt und nach ersten lockeren Gesprächen dann zusammen sitzen (ca. 25 ??Personen), skizziert uns Jelle van der Meulen (Autor des Buches "Mittendrin - Anthroposophie hier und jetzt") kurz die Biographien zweier berühmter Maler:

1. Vincent van Gogh (gelebt 1853 -1890)
2. Jackson Pollock (Dripping-Malerei-Impuls, USA 1912 - 1956)
Wir fragen uns, was diese beiden Männer miteinander verbindet? Auf jeden Fall, daß sie beide ein, unruhiges, keineswegs ordentliches, wenig zielstrebiges Leben führten, ja daß sie sogar gerade durch ihre außergewöhnlichen Verhaltensweisen neue Impulse initiierten, die zu einer neuen Kunstrichtung führten. Sie waren also so etwas ähnliches, wie die vielen verhaltensauffällige Kinder/Jugendlichen, mit denen wie es täglich zu tun haben.

>> Und dennoch: Alles hat einen Sinn. Kunst - Zufall?
Und dennoch: Alles hat seinen Sinn. Kunst -Zufall? Und dennoch .......<<

Zurück zur Kunst: es kam also Bewegung in eine etablierte Kunstrichtung und es entstand eine neue Epoche. Trotzdem spricht man in beiden Epochen von "Kunst". D.h., es hat sich etwas Mit dieser Grundfeststellung wird nun die Frage aufgeworfen:

Sehr bald erkennen wir, daß es so etwas wie einen Grundbegriff "Anthroposophie" gibt, daß man als Mensch aber eigentlich nur durch eine innere "Sehnsucht" oder vielleicht durch eine "Unruhe-Frage" dazu kommt, etwas Anderes, etwas Neues, zu suchen. Diese Unruhephasen sind nun keineswegs die einfachen Situationen - ja, es sind eigentlich die Krisen, die Krankheiten, die Schmerzen, die uns nach Neuem suchen lassen, "weil da eine Sehnsucht ist" (Zitat v. d. Meulen). Erst dann entsteht Anthroposophie - sagt er. Erst jetzt kann man spüren, daß man Bewegung braucht (im wahrsten Sinne des Wortes). Wenn man es dann auch tut, dann sind das "freie Taten". Durch Sehnsucht entsteht etwas (R. Steiner).

Aber - die Umsetzung ist ja nicht so leicht, wie jeder weiß. Und so hören wir, daß es Menschen (auch in unseren Einrichtungen) gibt, die wissen ganz viel zum Thema Anthroposophie. Sie kennen sich aus in den Vorträgen R. Steiners und wissen, wie "es richtig ist". Sie haben nun die Erfahrung, daß junge Menschen davon nichts wissen wollen, daß R.Steiner-Vorträge ungern gelesen werden usw., Frust und Ärger kommen auf. Das ist der Frust der Anthroposophen. Dann gibt es Mitarbeiter, die haben Angst, ihre persönlichen Fragen zu stellen. Sie haben Angst vor der vorgegebenen Norm. Keiner traut sich, die Normen zu durchbrechen, Neues anzusprechen oder auszuprobieren. Und so bildet sich eine Kluft - ein Konflikt - ein Krankheitsprozeß entsteht. Was ist zu tun? So weit - so gut, da kennen wir uns alle bestens aus. Nun sollen wir aber das Alte loslassen. Um nun das Alte loslassen zu können, um dann das Neue zu finden, steht jetzt ein Klärungsprozess an:

Nun wird in kleinen Gruppen gearbeitet. Ich weiß nicht, was in anderen Gruppen besprochen wird, aber bei uns steht die Frage im Raum: Ist "alt" gleichzusetzen mit "wegwerfen-müssen"? Ein Begriff beschäftigt uns: "meine alten Lieblingsschuhe". Sind sie ausgelatscht? Sind sie unmodern? Oder einfach nur bequem? Niemand anderes würde sie bequem finden! Sollte ich mir mal ein Paar Neue kaufen? Wie sehe ich eigentlich aus damit? Wir sind mittendrin: Vorurteile, Verunsicherung, Ängste, Gewohnheiten. Es macht Schmerzen, Gewohnheiten und Vor- Urteile beiseite zu stellen, um einen Prozeß zuzulassen oder um anderes zuzulassen. Vielleicht geht es so? Loslassen heißt, Vertrauen in andere zu haben?  

Oder: Einordnen ist besser als unterordnen? Sind das nicht wieder Clischés, die sich so leicht daher sagen lassen? Was soll ich?

Was will ich? Was wollen die andern? Zuersteinmal wollen wir tanzen und wandern! Rundum, ganz frei, das macht Spaß, juchei. Oder lauert die Angst? Was kann da passieren? Wir wollen doch nichts anderes als auprobieren! Und doch! Was richten wir an? Schau - der andere geht doch ganz locker heran! Oder scheint es nur so? Um nun auch noch das Theoretisieren loslassen zu können, dürfen wir jetzt praktisch ins Erleben kommen. Vor uns im Raum liegen 20-30 weiße zusammen geklebte Malblätter auf einer zimmergroßen Folie auf dem Boden. Da stehen Farbeimer, Pappbecher mit und ohne Loch im Boden. Nun sollen wir uns trauen – frei nach Jackson Pollock,  - um das Bild “herumzutanzen” und farbige Punkte aus dem Becher rinnen zu lassen. »Blick in dichten Wald alles verschwimmend vor den Augen Formen und Farben Doch alles ist fest – für den Moment. Vulkanickräfte - losgelassen -
zerstörend - neu zu entstehen. Die Verwandlung will passiern - ver-traue dich daran.«  »Im Spannungsfeld zwischen dem Erkenntnisweg, den Idealen und der Bewußtseinsbildung einerseits und den Bedingungen des Alltags, der Einweihung durch das Leben andererseits, schafft das Künstlerische einen verbindenden 3-Weg als Synthese, um die Mitte zu finden« Der Tropfen, der das Faß zum Überlaufen bringt, ist das Neue, das sich seinen eigenen Weg suchen will. Ein langsam sich steigernder Prozeß – erst vorsichtig, überlegend, abschätzend – aber dann immer mutiger - immer mehr! Zuerst sind esPunkte, dann laufende Punktlinien, dann Formationen. Immer mehr Menschen trauen sich, mehr Farbe kommt aufs Papier, Formen entstehen und diese Formen werden wieder überdeckt und übergossen, alles verändert sich. Erstaunt, aber auch unsicher, weil wir noch nicht Wissen, was daraus werden wird, verlassen wir “unser Projekt”. Werden wir morgen unsere “Tat” erkennen? Wird das Bild trocken sein? Naß und farbig liegt das “Werk” am Boden.  »Mit neuer Gesundheit, den Tag draußen im Nebel begonnen und drinnen verschwommen zuende gebracht.

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